Der Briefmarkensammler

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Ich wurde zur Leichenschau in eine Münchner Hinterhofwohnung gerufen. Denn ein alleinstehender Mann im frühen Pensionsalter war verstorben. Die Wohnverhältnisse waren einfach. Es gab nur auffallend viele Schränke.

Der Herr war kürzlich erst von einer Auslandsreise zurückgekommen. Und sein Ableben kam keinesfalls erwartet.

Die Wohnung war ein Briefmarkenmuseum.

Beeindruckend war die Briefmarkensammlung des Verstorbenen. Es handelte sich nicht nur um eine Hand voll Sammelalben. Letztlich war die ganze Wohnung ein “Briefmarkenmuseum”.

Normalerweise kann man mich mit Briefmarken nicht beeindrucken. Doch während ich Ausschau hielt nach Krankenunterlagen öffnete ich Schränke. Briefmarken soweit das Auge reichte. Es mögen dutzende, wenn nicht hunderte Alben gewesen sein.

Sämtliche Alben, fein säuberlich beschriftet und nach Ländern und Jahrgang sortiert. Jeder Schrank, jedes Regal, jede Kommode. Überall Briefmarken. Sogar auf der Toilette befanden sich Alben.

Im Grunde bestand die Wohnung aus fast nichts anderes als Briefmarken. Es gab kaum Platz für Lebensmittel oder Kleidung. Fast der gesamte Platz wurde von den Briefmarken eingenommen.

Jeder im Umfeld kannte den Mann und seine Sammelleidenschaft

Auffällig waren die vielen Leute, die vorbeikamen: es waren Leute, die im selben Wohnblock lebten. Es kamen Leute aus der Nachbarschaft, die den Verstorbenen kannten. Er schien auch gleichermaßen beliebt gewesen zu sein.

Denn jeder Besucher war nicht nur bestürzt über das Ableben des Herrn. Jeder schien auch eine positive Geschichte mit ihm zu verbinden. Der Tote schien nicht nur redselig und gesellig gewesen zu sein, sondern auch sehr hilfsbereit.

Daher schien der gesamte Straßenzug den Herrn bei seiner Sammelleidenschaft zu unterstützen. Leute berichteten, dass sie ihm erst kürzlich Briefmarken aus dem Ausland mitgebracht hätten.

Und noch während ich da war, kamen Leute vorbei, die noch nichts vom Tod des Herrn wussten. Sie wollten Briefmarken abgeben, die sie eben erst aus dem Urlaub mitgebracht hatten.

Mich persönlich hat dieser Herr sehr beeindruckt. Mit seiner Sammelleidenschaft hat er in einer Millionenstadt einen ganzen Straßenzug vereint.

Stefan Hartl

Jahrgang 1979. 2 Kinder. Arzt seit 2006. Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Suchtmedizin, Reisemedizin. Freiberufliche Tätigkeit, u.a. als Leichenschauer, seit 2006. Interessen: Literatur, Reisen.

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